KROKUS
Interview mit Chris von Rohr, Februar 2013
"Ich gebe nicht viel auf Hitparadenplatzierungen. “

Die legendären Schweizer Hardrocker aus Solör bringen ihr neues Werk „Dirty Dynamite“ in die Umlaufbahn. Bassist und Sprachrohr Chris von Rohr hat Pressevertreter zu sich nach Solör geladen, um ihnen Rede und Antwort zu stehen. Was dabei rumkam könnt ihr den untenstehenden Zeilen entnehmen.
Nach meiner Feststellung, dass sie es schön und cool haben, in dem Haus in Solothurn gab mir Chris folgendes Statement.
Nach der Studioarbeit von einem Jahr ist jetzt die erste Phase mit den kleinen Amps hier im Haus wo wir die Gitarren arrangieren. Es können ja nicht einfach alle miteinander spielen, man muss sich aufteilen und schauen wie s am besten tönt - das macht grossen Spass. Solche Sachen wie die Doppelleads etc. erarbeiten. Dann in der zweiten Phase geht’s in ein richtiges Probelokal, wo man Platz hat. Da wird dann über einige Monate mit Drummer gerockt. Das erste Konzert steht im Mai an. In den Monaten März und April werden dann mindestens 4 Proben pro Woche gespielt. Auch Krokus müssen noch Proben. Wir wollen nicht als Geriatrie Truppe zwischen Massagetisch und Golfplatz ein bisschen spielen. Unser Ziel ist klar, den jungen Bands in den Arsch zu treten. Das ist unser Anspruch an uns selbst. Ich glaube mit unserem Backkatalog und den neuen Songs wird das klappen. Das ist noch echter Stadionrock für die grossen Bühnen. Gerade weil wir nicht so schnell, sondern eher slow fuckin Rifflastig spielen.
Ich finde, dass die neuen Tracks wieder richtig fett und back zu den Glanztagen gehen.
Das ist eindeutig so. Als wir am Songwriting waren haben wir die besten unserer alten Tracks genommen und haben die neuen damit verglichen. Die Frage war: können die neuen Stücke bestehen? Wir haben es auch mehr auf der Liveebene angegangen, weil Krokus ja keine Radioband ist. Darum müssen wir schauen, dass die Sachen live bestehen können.
Da kann man ja gespannt sein wie das ab Mai rocken wird.
Ja, da musst Du unbedingt kommen. Es kommt DIE Rocklawine, so viel ist klar, mit dem nötigen Partyspass, den diese Musik bringen muss. Die Konzerte waren so schnell ausverkauft, dass wir in Zürich, wie auch in Solothurn noch ein 2. oder auch 3. Konzert nachlegen müssen. Liegt vielleicht auch daran, weil niemand weiss ob es die letzte Tour sein wird, auf welcher man die Band noch sehen kann. Genau aus dem Grund wollen wir den Leuten zeigen, dass Krokus die einzige Schweizer Band ist, welche in Kanada, Amerika, Asien etc. wirklich was gerissen hat. Das ist es was wir den Leuten zeigen wollen. Nicht, dass jemand sagen kann, die waren früher mal gut. Sondern, dass sie sehen die Boys sind heute noch besser und abgeklärter. Das ist der Anspruch den wir ans uns stellen.

Ihr wart ja jetzt in den Abbey Road Studios. Wie war das für euch?
Der Grund war, dass wir uns dachten, wir müssen noch an ein anderen Ort als nur zuhause, wo die Kuhglocken bimmeln. Viele Bands, wenn sie überhaupt noch einen Vorschuss von den Plattenfirmen kriegen, behalten den für sich oder geben ihn aus für Golfstunden oder Scheidungen. Wir haben gesagt, wir setzen das Geld ein und gehen in diese legendären Studios. Das war eine Zusatz- Motivation für alle, aber gerade auch für unseren Sänger Marc. Dieses British Feeling.
Dann war das für euch auch noch was Besonderes an so einem Ort aufzunehmen?
Mark, Fernando und ich sind ja mit den Stones, Beatles und Hendrix aufgewachsen. Die sind in unseren Blutbahnen. Und deshalb war es „larger than live“ für uns, in diesem Studio zu arbeiten - wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Ich habe als Produzent die Aufgabe das Bestmögliche aus der Band rauszuholen. Nur OK reicht nicht - OK ist die Schwester von Scheisse. Abbey Road ist das berühmteste Studio dieses Planeten. Du singst da in ein Mikrofon, das schon John Lennon benutzt hat und bist von lauter Zeitzeugen umringt. Da weisst du genau, jetzt muss ich abliefern, sonst lachen dich alle aus. Ich wollte einfach eine Zusatzmotivation, denn dieser Ort setzt krasse Emotionen frei. Marc und ich waren wie in einem Rausch und er hat olympisch gesungen. Ich bin sehr froh darüber, dass wir es getan haben. Es war ein geiler Sommer für uns. Wir waren in vielen Studios, auch in den USA, aber wir alle sind mit der Musik aufgewachsen, die in den Abbey Road Studios aufgenommen wurde. Hendrix, Stones, Beatles, Free, die prägt einen.
Habt ihr denn aus dem Grund "Help" gecovert?
Die Idee kam mal den Song etwas umzuändern, mehr im Guns n Roses Style. Der ist ja bei den Beatles mehr im Up Tempo(Chris stimmte kurz Beat und Melodie an). So fuhren wir ausnahmsweise mal den Balladenstil. Aber es hat sicher auch was mit den Aufnahmen in den Studios zu tun, aber der Song selber ist einfach sackstark und wir fühlen uns mit ihm verbunden.
Wie gross war der Druck für euch, da das letzte Album schon voll eingeschlagen hat?
Wir haben gerne Druck, nicht nur auf der Toilette, den braucht’s, das ist wie in der Bundesliga, wenn kein Druck da ist wirst du faul und selbstgefällig. Uns war bewusst, dass die Messlatte hoch ist nach dem letzten Album. Auch der CD-Markt, der am zerfallen ist macht das Ganze nicht einfacher. Ich als Produzent bin in den letzten 15 Jahren nur an Gold, Platin oder Doppelplatin gewöhnt worden. Für mich gibt‘s nichts, da denke ich wie ein Sportler. Nummer Eins, Gold sonst hören wir einfach auf. Das ist ein Muss. Durch schaust du das auch anders an. Du nimmst nicht gleich das Erstbeste und nimmst es auf und sagst geil. Wir selber haben uns die Messlatte brutal hochgesteckt. Wir wissen ja nie ob es das letzte Album ist. Und da will man als Musiker einfach, dass die Leute Freude haben, auch wenn sie das fertige Teil mit dem Artwork etc. in den Händen halten einfach sagen „geil“. Das alle sehen, die haben mit Herz daran gearbeitet. Wir wollten und haben Qualität geliefert und das Level nochmals nach oben gehievt. Das Ziel war, wenn man die Klassiker Scheiben, "Metal Rendez Vous", "Hardware", "One Vice at a Time" und "Headhunter“, nebeneinander hinlegt sieht und hört, dass es eigentlich diese, neue Scheibe wäre, die damals hätte folgen sollen. So sind wir an das Ganze ran gegangen.
Ich finde auch ihr habt euch schon mit der letzten, aber auch mit der neuen wieder an den Klassikern von damals orientiert.
Viele haben die Band schon abgeschrieben gehabt. Und sagten, was wollen die Alten noch? Aber denen kann ich nur sagen, hört euch das Album an und kommt zu den Konzerten. Dann sprechen wir nochmals. Die Band präsentiert sich momentan in einem Zustand wie noch nie. Wir sind älter geworden, aber die Band ist zusätzlich jünger geworden. Mit Mandy Meyer haben einen dritten Gitarrist, im Sinne von Buffalo Bill, der früher auf Europa Tour immer mal einen neuen Indianer dabei hatte. So erzeugen wir einen vollen Sound auch bei Doppelleads oder so. Wir sind ja keine Band, die Samples benutzt. Das hat sich jetzt extrem bewährt. Fernando ist mehr der traditionelle Krokus Gitarrist aus der Chuck Berry, Angus Young Ecke und Mandy ist der filigrane Melancholiker, der mehr die nicht AC/DC lastige Seite bedient. Songs wie "Winnig Man" oder Tokyo Night", „Fire“ einfach die Moll- Krokus Seite. Fast analog zu Tommy Kiefer der die traditionellen Alben eingespielt hat.
Wie und wo siehst Du Krokus heute in der Schweizer Szene?
Das wird sich jetzt mit dem Album und live zeigen. So wie wir das spüren gibt's keine Band in der Schweiz, in unserem Classic Hard Rock Segment, die uns von der Bühne spielen könnte. Die Routine ist da und wir haben einen Backkatalog über 17/18 Alben, wo wir ein totales Hammer Set zusammenstellen können - All Killers, no Fillers. Da kannst Du dann mit unserer Erfahrung das Ding richtig runterrocken. Und wir haben einen Sänger, der nicht wie andere in seinem Alter eine Oktave tiefer singen muss weil's nicht mehr geht. Der bringt's noch vom feinsten. Als absolutes Sahnehäubchen bringen wir jetzt noch den Überdrummer Dani Loeble (Helloween).Wir wollen das Beste - ihr bekommt das Beste - dafür arbeiten wir hart. Ich schaue schon lange nach einer neuen Rockband, die alles wegbläst, aber bis jetzt bin ich nicht fündig geworden. Nur das Rocksegment betrachtet natürlich. Wo wir tätig sind. Ich weiss auch nicht als was wir in die Schweizer Musik Geschichte eingehen werden, spielt auch keine Rolle, wir wollen einfach Musik machen und Spass. In der Schweiz gibt's ja eigentlich nur 3 Bands, die wirklich wahrgenommen werden. KROKUS, GOTTHARD und SHAKRA. Wer welchen Stellenwert hat wird man Ende Jahr wissen. Wie waren die CD Sales, wie die Ticketsales. Ich gebe nicht viel auf Hitparadenplatzierungen. Was zählt ist, ob es am Ende Gold und Platin ist. Live ist es halt Geschmackssache. Der eine mag mehr Melodic Rock, der andere eher auf die Powermucke.
Du hast es angesprochen, meiner Meinung nach wird der Metal ignoriert, wie gerade bei den Swiss Music Awards wo es keine Hard Rock/Metal Sparte gibt.
Das ist sowieso ein trauriges Kapitel, wo es nicht viel zu sagen gibt. Das repräsentiert das Business, dh. im Moment vor allem Universal Music. Dass man es nicht mal schafft eine solche Kategorie Rock zu kreieren sagt alles über dieses Land und seine Macher Ich glaube, die Leute wollen gutes, ehrliches Handwerk, eine gute CD und gute Gigs. Dann wird das auch honoriert. Mit Ticketverkauf. Es gibt ja viele Bands, die im TV auftreten, aber dann kein einziges Ticket verkaufen. Die schaffen es nicht mal einen Club auszuverkaufen. Das ist bei uns anders, schon wegen unserer ganzen History. Wir sind bald 40 Jahre zusammen und da gibt es in der Schweiz keine 2. Combo, die das vorweisen kann und immer noch mit ordentlichem Material in ganz Europa an den grossen Festivals unterwegs ist.
Ihr habt, in der Schweiz sowieso, Legendenstatus.
In Deutschland auch. Als wir am Bang Your Head gespielt haben, hat mir einer gesagt, ob wir uns bewusst sind, dass wir in Deutschland Kultstatus hätten, gerade wegen der Klassiker-Alben. Ich glaube wir können jetzt noch etwas dazulegen. Wir rocken das HELLFEST, SWEDEN ROCK, LORELEY etc. Sogar die Griechen drehen durch. Wir spielen in ganz Europa. Wir sind sehr zuversichtlich dieses Jahr.

Werdet ihr denn auch eine komplette Tour fahren oder nur so einzelne und Festival Gigs machen?
Nein, wir machen schon auch kompakte Tourneen. Es steht eine Japan Tour, genauso wie eine Deutschland Tour zur Diskussion. USA sowieso. Aber man muss es einfach abwägen. Es muss Sinn machen und von der wirtschaftlichen Seite her passen. Niemand will draufzahlen. Der Aufwand ist halt verdammt gross, wenn man in einem anderen Land oder sogar Kontinent spielt. Aber wir wollen das schon bündeln und Monatsweise touren. Man kann nicht mal spielen, und dann wieder ein paar Monate nichts machen und danach den Motor wieder starten. Das ist wie beim Fussball. Da muss man auch ein Vortraining machen, bis die Saison startet. Da kannst Du auch nicht einfach länger pausieren.
Wie ist das bei euch nach fast 40 Jahren im Business, seid ihr da noch aufgeregt vor einer neuen CD oder einer Tour?
Gerade auch weil der ganze CD Markt am zerfallen ist, ist da eine gewisse Spannung vorhanden. ich würde lügen wenn ich behaupten würde nie daran zu denken, ob es gut gehen wird. Man kann sich ja nie sicher sein ob die Fans das Album noch kaufen und auch immer noch so geil finden wie sie es vorher getan haben. Wenn man das nur noch als selbstverständlich anschauen würde ist man auf dem Weg nach unten. Nervosität ist nicht da bei uns, aber eine Spannung. Vor allem wenn Du so lange an etwas gearbeitet hast wie wir. Über 1 Jahr und tausende Stunden.
Das wäre es soweit von meiner Seite, hast du noch eine abschliessende Message an unsere Leser?
Ich denke die Musik die wir machen, der handgemachte dreckige Riffrock, ist in der, wie ich sie bezeichne, digitalen Demenz-Zeit, wo alles nur noch per Klick auf dem PC passiert, noch ein echtes Abenteuer. Auch für uns ist es extrem spannend. Mit der Band, die wir jetzt haben, so richtig abzudrücken, das ist ein Thrill, pure Satisfaction. Für mich sowieso, ich habe die letzten 15 Jahre nur produziert, da habe ich viel gelernt, aber jetzt wieder täglich das Instrument umzuschnallen und zu spielen und dann mit einer Band zusammen - da gibt's nichts Geileres. Mit diesem Feeling und gegenseitigen Respekt voreinander, wie es jetzt bei uns herrscht, können wir getrost in den Rock n’Roll-Sonnenuntergang reiten.
Vielen Dank für s Zeit nehmen und alles Gute und viel Erfolg an Chris und dem Rest von KROKUS.




