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EDGUY

Interview mit Tobias September 2011

"Ich fände es sogar lustig, mal Volksmusik zu machen!“ "

 

Edguy

 

www.edguy.net

Tausendsassa Tobias Sammet war eben noch mit AVANTASIA in Wacken und das neue Album von EDGUY „The Age Of The Joker“ wird von allen in den höchsten Tönen gelobt. Momentan läuft es für Tobias wie am Schnürchen. Wohlverdient, wie wir meinen und haben uns Tobias für ein paar Fragen geschnappt.

Das neue Album ist draußen und wird in den höchsten Tönen gelobt. Wie fühlst du dich dabei?

Ich find s eigentlich ganz gut. Ich war vorher schon felsenfest davon überzeugt, dass die Platte sehr stark ist. Ich wär natürlich enttäuscht gewesen, wenn jeder das anders gesehen und die Presse jetzt gesagt hätte: „Das Album iss aber nicht so toll.“, aber ich hätte trotzdem gewusst, dass ich recht habe und alle anderen unrecht! Ich kann das ja beurteilen, ich war ja bei allen unseren Produktionen mit dabei. Ich weiß, dass wir hier was ganz großes gemacht haben, was wirklich sehr gut geworden ist. Das hab ich bei den anderen Platten auch immer gewusst und weiß es auch hier wieder bei dieser Platte.
Lob tut natürlich gut. Auch wenn wir Menschen immer sagen, dass es einem egal sei und man sein Ding durch ziehe. Das stimmt auch bis zu einem gewissen Grad. Sein Ding durchziehen, sowieso, aber es tut trotzdem gut, wenn einem auf die Schulter geklopft und gesagt wird: „Mensch, das habt ihr aber wieder gut gemacht!“

Wie viel Mitspracherecht haben die anderen in der Band?

Wir sind eine repräsentative Demokratie, d. h. ich bin zum König gewählt und bestimme was wir machen. Jeder hat Mitspracherecht, wir sind ja auch 5 Freunde. Es können nicht 5 Leute gemeinsam etwas entscheiden, wenn alle anderer Meinung sind. Das geht einfach nicht. Da hätten wir noch nicht mal unser Debüt-Album veröffentlicht. Vieles von dem, was wir machen ist das Resultat von fünf Meinungen.

Kannst du dir vorstellen mit jemandem zu spielen, der musikalisch zwar top ist, mit dem du dich menschlich aber nicht so super verstehst?

Schwer, nein. Da hätte ich sehr große Probleme mit. Musik ist ja auch immer was sehr persönliches. Was mich persönlich auch immer etwas angetrieben hat war dieses: wir 5 gegen den Rest der Welt. Ohne, dass man sich da jetzt künstlich Feindbilder schafft. Aber dieses Gefühl, dass da 5 Freunde gegen Windmühlen kämpfen. Wenn man da einen in der eigenen Mannschaft hat, dem man am liebsten an die Gurgel gehen würde, weil man ihn nicht mag, das kann nicht funktionieren. Denn alles, was du erreichst, erreichst du dann auch für diesen Typen, den du nicht magst.
Gerade wenn du kreativ bist, das ist was so Persönliches, so Intimes, dass es so uncool wäre, diese Momente mit jemandem zu teilen, den man gar nicht mag.

Edguy

Musik ist für dich immer auch was sehr persönliches. Nur Hit orientiert Musik zu machen, wär das was für dich?

Öhm… Nein. Ich will nichts machen, wo ich nicht dahinter stehen kann. Dahinterstehen heißt für mich, ich muss es gut finden. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder ich finde es gut, oder ich finde es belanglos. Irgendetwas zu machen, das auf Hit getrimmt ist, was mir widerstrebt – das könnte ich gar nicht!
Ich glaube Auftragssongwriter machen das so, und ich denke, dass man mit vorgegebenen Parametern etwas stricken kann. Aber letztendlich muss das, was dabei raus kommt, etwas sein, von dem man selbst sagt: „Geil, genauso will ich das hören!“. Wenn ich was für Avantasia schreibe, dann muss das der Sänger singen können. Aber alles was dabei rauskommt, wird meinen persönlichen Geschmack widerspiegeln.
Ich fände es sogar lustig, irgendwann mal Volksmusik zu machen. Das klingt jetzt total blöd, aber selbst dem kann ich was abgewinnen. Ich würde mir das privat nie anhören, aber ich hör durchaus ob sie gut oder schlecht ist. Alpine Volksmusik finde ich durchaus sehr lustig. Die hat was. Aber wenn ich das irgendwann mal machen würde, für einen Künstler was zu schreiben, dann muss ich auch da sagen können: „Finde ich aber irgendwie geil!“.

Wenn du an ein neues Projekt angehst, hast du das vorher komplett im Kopf wie du es haben willst?

Das entwickelt sich ganz natürlich. Das sind ja 10 Songs, 10 unterschiedliche, einzelne Songs. Den ersten Song, den wir für diese Platte geschrieben haben war „Nobody’s Hero“, danach kam „Breath“. War ein ganz anderer Song, als „Nobody’s Hero“ und so formt sich mit der Zeit das Album. Vor einer Produktion kann ich nicht mit so markigen Sprüchen kommen wie: „Das wird unser schnellstes Album“ oder „Das wird unser härtestes Album“. Da würde ich mich ja schon so limitieren.

Denkst du, dass sich ehrliche Musik besser durchsetzt als konstruierte Musik?

Ich hoffe es zumindest. Es gibt ja auch mehr im Leben als hohe Plattenverkäufe. Der größte Luxus, den ich habe ist noch nicht mal das Geld, das ich dabei verdiene, sondern, dass ich mein Leben total geil finde. Ich kann mir materiell alles leisten, worauf ich Bock habe. Ich erlebe den ganzen Tag das, was ich erleben will. Das ist mir viel wichtiger. Klar, wir sind nicht die Rolling Stones, aber ob ich dann glücklicher wäre…

Sommerzeit ist Festival-Zeit… was ist für dich das bedeutendste Festival?

Das ist ganz schwer zu sagen, aber wohl Wacken, ganz einfach auf Grund der Größe. Es ist für einen Musiker schon etwas Bedeutendes vor so vielen Menschen zu spielen. Da spielt man vor 80 000/ 90 000 Menschen, die vor der Bühne stehen und die Energie und die Wertschätzung der Musik entgegenbringen. Ich zieh da sehr viel raus, wenn ich in die Gesichter gucke. Das ist bei so einer Menge schon gigantisch.

Du bist ja nun auch schon ne Weile im Geschäft. Findest du der Stellenwert der Musik hat sich verändert?

Ja. Nicht so viel für die traditionellen Metal-Fans. Ich will Musik hören, ich will darin versinken können. Wenn meine Lieblingsband eine Platte raus bringt, hör ich mir die von vorne bis hinten an und lese das Bouklet. Für mich ist das ein Ritual. Musik begleitet mich mein ganzes Leben. Aber ich glaube, dass Musik bei den Kids von heute – Oh jetzt kling ich schon wie meine Oma – nicht mehr diese Rolle spielt, sondern da ist Musik einfach ein Konsumgut geworden, das man sich umsonst aus dem Netz holt, das im Hintergrund irgendwie dudelt. Die Qualität der Musik ist ebenso wenig wichtig, wie der Sound. Meine Generation ist noch in den HiFi-Laden gegangen, hat sich 20 verschiedene Verstärker angehört, um zu sehen, bei welchem die Höhen am besten rüber kommen.
Heute sind eben auch Video-Spiele dazu gekommen, was eine Konkurrenz für die Musik darstellt. Auch das Handy hat nen großen Stellenwert. Da kommen die Kids entgegen, halten ihr Smartphone und da kratzt irgendwelche Musik raus. Das reflektiert doch alles, was man über den Stellenwert von Musik heute  sagen kann.

Aber es gibt auch andere…

Ja, mit Sicherheit! Besonders in der Metal-Szene. Wir verkaufen ja auch noch eine Menge Platten, sonst wären so aufwendige Produktionen gar nicht möglich. Aber eine Band wie wir, die hätte vor 20 Jahren ohne Wenn und Aber Goldstatus in vielen Europäischen Ländern gehabt. Aber diese Zeit ist einfach vorbei! Wir sind neben BLIND GUARDIAN in Deutschland die größte Deutsche Heavy Metal-Band, was die Verkaufs- und Besucherzahlen angeht. Aber die tatsächlichen Tonträgerverkäufe, die waren früher einfach viel, viel größer. Wir kämpfen nicht mehr nur mit Konkurrenz-Produkten aus der Musikwelt. Viele Leute wenden sich davon ab, dass Musik ihr größtes Freizeitspektakel ist. Gott sei Dank sind die Metal-Fans einfach viel, viel treuer.

Es wird wohl ein Umdenken stattfinden müssen. Kann es sein, dass der Stellenwert der Konzerte höher ist, als die Tonträger?

Ja, … für uns als Band haben Konzerte immer einen höheren Stellenwert. Das war aber schon immer so, auch als die Verkaufszahlen noch ganz anders waren. Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Ne gute Platte kann jeder machen, aber auf die Bühne gehen und die Leute unterhalten bei 150 Shows in zwei Jahren, oder 120 Shows pro Tour, in Japan oder Australien unter widrigsten Umständen, mit Grippe, mit dem ganzen Auf und Ab, das man als Sänger auf Tour erlebt, dabei überlebt und punktet, über so viele Jahre und immer wieder versuchst das beste Konzert zu spielen, das die Leute je erlebt haben, da liegt die Wahrheit!
Früher haben manche gar nicht richtig getourt. Die haben 30 Shows gespielt pro Tour, sind ansonsten auf der faulen Haut gelegen und haben alle zwei Jahre ne Platte gemacht. Das geht jetzt natürlich nicht mehr. Jetzt müssen sie alle raus auf die Straßen und sich beweise. Und das finde ich auch fair!

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Welche Frage bei Interviews hasst du am meisten?

„Tell me something about…“ –Fragen. Da denk ich mir immer: ich sitz hier und versuch meinen Job zu machen… und du solltest es auch. Mann, du hättest wenigstens 2 Minuten bei Wikipedia reingucken können. Ganz schrecklich ist die Frage „Tell me something about the new record“… da denk ich mir immer: der hat keinen Bock dieses Interview zu machen und ich muss es jetzt ausbaden.

Langweilt dich die PR?

Oh ja (lacht) aber es hilft ja nichts. Ich bin mir schon bewusst, dass ich sehr dankbar sein muss – und es auch bin! – dass Leute sich für das interessieren, was wir machen. Du hast das große Glück, dass ich seit einer Woche kein Interview gegeben habe. Jeder Musiker, der dir sagt, dass es ihn nicht nervt, der lügt! Bei der ersten Platte war ich froh. Geil, endlich mal ein Interview… aber jetzt… Aber es gibt schlimmeres, Zahnarzt z. B.

 

Interview by Melanie

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