VAUGHN

Standing Alone?

VAUGHN

www.vaughn.de

 

Es ist komisch, aber trotz des guten Debuets "Soldiers And Sailors On Riverside" und des fast in allen Belangen besseren Nachfolgewerkes "Fearless" seiner neuen Band Vaughn, scheint Danny Vaughn nach wie vor in erster Linie als Saenger der Band Tyketto bekannt zu sein. Diese "Problematik" scheint ihm dabei durchaus bewusst zu sein. Bei Vaughn-Konzerten erklingen naemlich nach wie vor auch die groessten Hits von Tyketto.

Ein gutes Bild von dieser stets funktionierenden Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart kann man sich anhand des vor einigen Monaten veroeffentlichten Konzertmitschnittes "Forever Live" machen oder aber bei einem der eher seltenen Auftritte der Band in Europa. Einige Stunden vor dem Auftritt in einem idyllischen Vorort Amsterdams entstand die folgende Bestandsaufnahme.

Die Frage bietet sich geradezu an: stellt "Forever Live" den Beweis dar, dass sich Tyketto und Vaughn geradezu vermischen muessen.

"Vielleicht war es etwas naiv von mir zu denken", nickt Danny nachdenklich, "ich koennte mit Vaughn ganz von vorne starten. Der Schatten Tykettos ist doch etwas zu uebermaechtig. Inzwischen kann ich damit aber bestens leben. Wir spielen mit Vaughn einige Tyketto-Hits, entwickeln aber gleichwohl eine eigene Identitaet und bringen von Zeit zur Zeit zudem aeltere Tyketto-Stuecke ans Tageslicht, die seinerzeit vielleicht ueberhoert worden sind, die es aber durchaus verdienen, ihren Weg zu den Leuten zu finden. Klar, dass der Konzertmitschnitt diese Entwicklung dokumentieren musste! Wir liessen zwei Konzerte im Sommer 2001 in England mitschneiden und fuegten dann die besten Mitschnitte fuer das Live-Album zusammen. Die akustische Version von "Forever Young", die das Album abschliesst, stammt schliesslich von meiner Solotournee durch England. Praezise gesagt von dem damaligen Auftritt in London."

Zugegebenermassen habe ich schon sehr lange keinen so ehrlichen Konzertmitschnitt wie eben "Forever Live" gehoert...

"Fuer meinen Geschmack muss ein Live-Album so klingen! Selbst wenn wir sehr viel Geld mehr zur Verfuegung gehabt haetten: der Mitschnitt haette trotzdem so roh geklungen! Eine Band ist eben nur auf einer Buehne hundertprozentig ehrlich und da erscheint es mir absurd, diese Ehrlichkeit spaeter im Studio zu verfaelschen! Auf "Forever Live" sind Fehler drauf, schiefe Toene. Aber eben auch jede Menge Ehrlichkeit. Abgesehen davon: ich mag keine Live-Alben und bin viel mehr darauf aus, ein komplett neues Studioalbum zu veroeffentlichen. Aber wir sind nach einem Live-Album gefragt worden und haben eben eines zusammengestellt. Ohne grosse Hintergedanken. Und wir schafften es, eine spezielle Vereinbarung mit unserer Plattenfirma zu treffen. Vor der offiziellen Veroeffentlichung verkauften wir das Album bereits bei Konzerten und es kam erst spaeter in die Laeden. Ich fand diese Idee richtig gut. Wenn man naemlich ein Konzert richtig gut findet, geht man spaeter automatisch an den Merchandise-Stand und wenn dort eine Live-CD liegt, nimmt man sie automatisch mit."

Nichtsdestotrotz haette man den Mitschnitt durchaus etwas grosszuegiger ausfallen lassen koennen. Bei der Gesamtkapazitaet einer CD....

"Das mag sein, aber in dieser Form ist das Album in sich geschlossener. Wir wollten noch einige Stuecke mehr draufbringen, aber in ihnen befanden sich dann solche Spielfehler, ueber die man nicht mehr so einfach hinwegsehen konnte (lacht). Wenn es schon ein Live-Album sein musste, konzentrierten wir uns mehr auf den Inhalt als auf die Laenge. Und wir brachten mit den akustischen Versionen der grossen Tyketto-Hits "Wings" und eben "Forever Young" zwei Elemente drauf, die man vielleicht nicht unbedingt erwarten konnte! Auf dem Album ueberwiegen zwar die Stuecke von Vaughn, aber die Tyketto-Vergangenheit wird immer noch ausreichend beachtet."

Und diese Vergangenheit kommt wohl niemals zur Ruhe. Man denke nur an die niederlaendischen und belgischen Konzertveranstalter, die sehr gerne die Konzerte von Vaughn als Tyketto-Konzerte bewerben oder aber als Konzerte von Danny Vaughn’s Tyketto.

"Anfangs verursachte mir so etwas Bauchschmerzen", erzaehlt Danny, "aber den Leuten geht es eben darum, Zuschauer anzulocken. Und im Endeffekt geht es nur um die Musik. Und wer heute zu einem Konzert kommt, bei dem ich singe, weiss eh ganz genau, was ihn erwartet! Und neben mir spielt bei Vaughn mit Michael eben noch der Tyketto-Schlagzeuger mit und so kann man sich ueber all diese Assoziationen wohl auch nicht wundern. Und abgesehen davon: ich bin sicherlich nicht so drauf, mich fuer meine Vergangenheit zu schaemen. Ganz im Gegenteil. Ich bin stolz auf das, was wir mit Tyketto erreicht haben."

Das populaerste und nach wie vor kommerziell erfolgreichste Album mit Deinem Gesang ist zweifelsohne das Tyketto-Debuet "Don’t Come Easy". Ein in der Zwischenzeit mangels Wiederveroeffentlichung sehr rares Objekt der Begierde...

"Wir argumentieren nun bereits seit Jahren mit der Plattenfirma, die das Album urspruenglich veroeffentlichte, herum. Sie meinen, eine Wiederveroeffentlichung waere nicht lukrativ genug fuer sie. Im gleichen Atemzug wollen sie die Rechte am Album aber nicht freigeben und behalten es lieber in ihrem Archiv. Damit machen sie den Weg frei fuer Bootleger und Leute, die die CD fuer Unsummen auf ebay verkaufen. Leider kann ich derzeit an der Sache ueberhaupt nichts aendern..."

Stichwort ebay. Als ihr damit angefangen habt, "Forever Live" bei Konzerten zu verkaufen, teiltest Du den Leuten ueber Eure (im uebrigen sehr empfehlenswerte) Homepage www.vaughn.de (oder alternativ www.tyketto.de) mit, dass Du es ihnen aeusserst uebel nehmen wirst, wenn sie den Livemitschnitt wiederum ueber ebay weiterverkaufen...

"Und natuerlich fanden sich sogleich einige Spezialisten, die die CD beim Konzert kauften und dann ueber Netz weiterverkauften. Aus Spass schrieb ich damals auf unsere Homepage, dass ich die Hunde dieser Leute dafuer aergern werde. Aber im Endeffekt war es eine Mischung aus Spass und Verzweiflung. Dagegen unternehmen kann man eh kaum etwas. Es tut mir nur leid, dass wir die CD bei Konzerten zum absolut minimalen Preis verkauften und es dann diesen Leuten ermoeglichten, eine nette Gewinnspanne zu ermoeglichen... Das sind in meinen Augen KEINE echten Musifans!"

Der Konzertmitschnitt ist nicht die einzige neue CD mit Deiner Stimme. Bei Konzerten und auch ueber Internet kann man die akustische EP "Standing Alone" erstehen, die unter dem Namen Danny Vaughn laeuft.

"Das ist ein nettes Experiment. Nicht mehr und auch nicht weniger. Ich ging in mein kleines Studio, spielte ein wenig an meiner Akustischen und war mir nicht einmal sicher, dass sich das zu einer richtigen Produktion entwickeln wuerde. Ich nahm mir zwei Stuecke von Vaughn vor, drei von Tyketto und mit "Remember When" ein Stueck, das fuer Vaughn vorgesehen war. Ich passte die Arrangements der akustischen Situation an und legte los. Es war eine interessante Erfahrung, ein nettes Nebenprojekt. Eines Tages wird es davon vielleicht sogar eine freie Fortsetzung geben, denn die jetzige Konzert-Version von "Forever Young" unterscheidet sich dermassen vom Original, dass man sie auf jeden Fall auf Band festhalten sollte! Die meisten Stuecke, die ich komponiere, sind in erster Reihe sowieso Akustik-Stuecke und entwickeln sich erst nach und nach zu den endgueltigen Versionen. "Remember When" ist sicherlich ein interessantes Beispiel dafuer, wie die Rohfassung einer meiner Kompositionen klingt."

Nicht unbedingt erwarten konnte man eine Reggae-Version des Tyketto-Klassikers "Seasons", die auch noch funktioniert und zu den Hoehepunkten auf "Standing Alone" zaehlt.

"Zu der Zeit hoerte ich mir einige aeltere Kassetten an, die es von Tyketto gibt. Das sind Mitschnitte aus dem Proberaum oder eben auch Konzertaufnahmen. Und dabei entdeckte ich den Mitschnitt eines der wenigen damaligen Akustik-Konzerte. Unser damaliger Gitarrist Brooke spielte am Anfang von "Wings" aus Spass einen Reggae-Lick an und ich ueberlegte mir nun, wie das Stueck wohl klingen koennte, wenn man es tatsaechlich mit einem Reggae-Touch versetzt. Die Version ist sicherlich ueberraschend, aber vor allem nicht langweilig! Die komplette EP ist wohl ueberraschend. Aber das gefaellt mir sehr gut! Ich absolvierte bereits eine sehr unterhaltsame akustische Tournee durch England und dabei stellte ich fest, dass akustische Versionen auch sehr kraftvoll und ueberzeugend rueberkommen koennen. Wenn man eineinhalb Stunden lang die Zuschauer nur mit einer Gitarre und mit Gesang fesseln kann, ist es wohl das beste Zeichen dafuer, dass die vorgetragenen Stuecke eine gewisse Qualitaet haben muessen!"

Diese Akustik-Konzerte sind dabei zu einem gewissen Teil in Anlehnung an die erfolgreiche Konzertreihe "VH-1 Storytellers" angelehnt.

"Wenn ich mir solche Sendungen anschaue und wenn ich dabei hoere, was ein Billy Joel oder ein Elton John ueber ihre Stuecke und Alben zu erzaehlen haben, bin ich immer sehr stark fasziniert. Ich dachte deshalb, dass es die Leute bei meinen Konzerten vielleicht auch interessieren wuerde, wie das oder jene Stueck entstanden ist."

Du erwaehntest bereits, dass Deine Gedanken bereits um das naechste Vaughn-Album kreisen. Wann kann man es erwarten und in welcher Form?

""Fearless" ist sicherlich ein Album, an das man anschliessen kann. Das neue Album sollte unbedingt im Jahre 2003 erscheinen, viel mehr Infos kann ich aber noch nicht dazu geben. Es gibt zwar einige neue Stuecke, aber die muessen nach und nach noch feingeschliffen werden. Es ist noch voellig offen, ob wir wieder ein aehnlich abwechslungsreiches Album machen wie die ersten beiden von Vaughn oder eher ein Album wie "Don’t Come Easy" von Tyketto, das sehr homogen und fast schon stromlinienfoermig verlief. Zum jetzigen Zeitpunkt wuerde ich sagen: alles ist moeglich. Zumal meine neueste Komposition ein knapp dreiminuetiger Song ist ohne Gitarrensolo, dafuer aber mit jede Menge Energie und mehr oder weniger ohne die Merkmale der bisherigen Vaughn-Stuecke. Es wird aber im Endeffekt wieder einmal so laufen wie bisher: ich komponiere die Stuecke und setzt mich dann mit Michael zusammen, um zu diskutieren, was auf das Album passen koennte und was nicht. Ein gutes Album muss den Hoerer in seinen Bann ziehen, muss ihn beruehren. Und darauf sollte die ganze Sache hinauslaufen."

Der Beruf, den Du bereits seit einiger Zeit ausuebst, koennte sich auch auf die Zukunft von Vaughn auswirken. Du arbeitest als sogenannter Talentscout im Auftrag der amerikanischen Plattenfirma Lava Records, einem Unterlabel von Warner Music. Wie sehr wird man da als Musiker beeinflusst?

"In einem gewissen Rahmen schon, aber als Musiker hoert man sowieso automatisch bei anderen Musikern hin. Ich stehe nicht auf all diese mehr schreienden und weniger singenden Saenger der Gegenwart, aber es gibt sicherlich einige neue Bands, sowie Saenger und Saengerinnen, auf die man dieser Tage achten sollte. Ich habe bereits einige starke Bands gesehen, die nur deshalb keinen Plattenvertrag haben, weil sie nicht trendy genug aussehen."

Ein Talentscout ist aber auch kein sonderlich dankbarer Job. Man geht zu einem Konzert, hat schlechte Laune, sieht eine objektiv gesehen tolle Band, moechte aber lieber zu Hause im Bett liegen...

"Natuerlich versuche ich stets sehr professionell zu sein und so zu handeln, aber es gibt eben solche Augenblicke... Man hoert sich ein Demo an und ist vielleicht in dem Augenblick nicht in der Stimmung fuer solche Musik. Haette man es sich aber einige Stunden spaeter angehoert, haette es einen umgehauen. So spielt eben manchmal das Leben. Aber inzwischen hab ich die Methode entwickelt, mir alles mindestens zweimal anzuhoeren. Nach einem schlechten Abendessen und einem guten Fruehstueck klingt Musik natuerlich unterschiedlich (lacht)..."

Was war auf diesem Feld Deine bislang groesste Entdeckung?

"Sicherlich die Band des ehemaligen Tyketto-Bassisten Jimi Kennedy oder eine weibliche Saengerin aus Nashville. Aber ich signe die Bands und Interpreten nicht, ich gebe meinem Chef nur die entscheidenden Tipps. Wobei das Geschaeft mir der Musik heute recht trist ist. Man arbeitet nicht mehr so wie in den Sechzigern oder Siebzigern. Damals fand man etwas, von dem man ueberzeugt war und arbeitete damit. Heute werden nur noch "fertige" Produkte verdealt, junge Interpreten werden mit Hilfe von ausgebufften Songwritern "gezuechtet". Nimm doch mal Avril Lavigne... Sie ist wirklich nicht schlecht, aber sie ist sicherlich kein Naturtalent. Jemand muss da ganz gehoerig nachgeholfen haben und ihr die Songs zugeschoben haben!"

Koennte man als Talentscout nicht auch seine eigene Band verdealen?

"Die meisten Menschen fuer die oder mit denen ich arbeite, kennen mich, kennen Tyketto oder kennen sogar Vaughn. Ich knuepfe natuerlich staendig neue Kontakte, ich lerne neue wichtige und weniger wichtige Menschen kennen. Man darf aber nicht zu weit gehen und nur seine Band durchsetzen. Da koennte man ganz schnell auch den Job verlieren. Aber keine Angst: ich sitze an den wichtigen Hebeln, druecke sie behutsam und lasse meine eigene Musik keineswegs aus den Augen..."

 

(Interview von Nikolas Krofta - exlusiv fuer MEDAZZAROCK)


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