GAZPACHO

"Du musst die nächste Show spielen, ob du willst oder nicht."

(April 2009)

 

www.gazpachoworld.com

 

Ein schöner sonniger Sonntagabend in München. Frühlingsgefühle werden wach, man fühlt sich gleich viel beschwingter. Ich warte, bis die Jungs mit essen fertig sind und beschäftige mich derweil mit der süßen Hündin Olivia, die mich anscheinend sofort in ihr Hundeherz geschlossen hat. Eigentlich mag ich keine Hunde, aber da musste ich glatt ne Ausnahme machen. Hunde können einen ja sooooo treuherzig ansehen.

Also, rauf auf die Bühne, rechts die Treppe hoch über den Balkon zum Backstagebereich (wieso heißt das eigentlich backstage, wenn der nur selten wirklich backstage ist?). Ich bekomme zwei herzliche „Hallo's" und zwei feste Händedrücke von Jan-Henrik und Thomas und schon kann’s losgehen. Dachte ich zumindest, aber Jan muss erst noch für kleine Jungs, also machen Thomas und ich es uns schon mal auf dem Sofa bequem, ich bekomme eine Cola in die Hand gedrückt und wir quatschen über dieses und jenes.

Nochmal hallo, schön euch zu treffen.

Thomas: hallo, schön dich zu treffen. Ich bin Thomas Andersen, der Keyboarder.

Jan-Hendrik: hallo, ich bin Jan-Henrik Ohme, der Sänger.

Und ich bin die Melanie, die Frager- und die Schreiberin :-) Wie lief die Tour bis jetzt?

Jan-Henrik: es ist eine Auf-und-Ab-Tour. Wir haben in Italien angefangen und gehen jetzt wieder hoch durch Europa.

Ich hab gelesen ihr ward auch in Spanien. Wie war das Wetter da?

Thomas: das Wetter war super! Letzte Woche in Rom kam die Sonne zurück und jetzt ist es hier auch schön warm und wir können in Shorts im Bus fahren. Und so war es bis jetzt eine schöne Tour.

Ich war vor zwei Wochen in Spanien, da war das Wetter schon schön warm, aber leider kam ich in den Winter zurück. Das war die erste Frühlingswoche.

Thomas: ja, da haben wir ja Glück gehabt mit dem Wetter.

So, und jetzt soll ich euch von meinem Cheffe ausrichten, dass er euch vor fünf Jahren als Support von MARILLION gesehen hat und so von euch begeistert war, dass er sich eure CD gekauft hat.

Thomas: sag ihm danke von uns! (An.Ralph: Hey, und hab die CD grad letzthin wieder mal gehört :-) )

Das ist eure erste Headliner-Tour…

Thomas: ja, das ist unsere erste Headliner-Tour. Wir haben zwei Jahre an der neuen CD „Tick Tock" gearbeitet und durch die vielen Supports, die wir gemacht haben, haben wir uns mittlerweile eine Fangemeinde aufgebaut und nun mit unserem fünften Album dachten wir, ist es an der Zeit eine eigene Europa-Tour zu machen.

Eure Songs klingen für mich immer etwas melancholisch…

Thomas: ohhhh… aber wir sind nicht traurig! Melancholisch ja, aber nicht traurig oder gar depressiv. Aber viel von unserer Lieblingsmusik ist dunkel und melancholisch und melodiös. Und die Dinge, über die wir singen und spielen, sind ernste Themen. Und das macht es melancholisch. Aber wir sind nicht traurig!

Jan-Henrik: nein, wir sind nicht traurig. Viele melancholische Sachen kommen aus Skandinavien. Vielleicht liegt es an den langen, kalten, dunklen Wintern, die wir haben.

„Night“ war ein Konzept-Album…

Thomas: ja, „Night“ war ein Konzept-Album. Es wuchs aus vielen verschiedenen Dingen. Aber einer der wichtigsten Gründe wieso wir es gemacht haben, war, dass alle Band-Mitglieder so viele Songs geschrieben haben, und wir wollten mal etwas komplett anderes machen. Es ist zu 50 Prozent von uns, und zu 50 Prozent von den Hörern. Es ist ein bisschen wie Film-Musik. Es soll bei den Hörern ihre eigenen Bilder in den Köpfen entstehen zu lassen. Von alten und neuen Erinnerungen und Stimmungen und Fantasien – als ein Experiment. Wir haben so gut mit den Hörern zusammen daran gearbeitet und versucht neue Welten in ihren Köpfen zu kreieren.

Wird es noch  mal ein Konzept-Album geben?

Thomas: nun, wir wissen nie was wir als nächstes tun werden. „Tick Tock“ ist auch ein Konzept-Album. Aber was als nächstes kommt, keine Ahnung. Wir planen das nicht. Was kommen wird, wird kommen.

Ihr plant es also nicht, so wie andere Bands es eventuell machen. Da gibt es ja ein paar, die schreiben Songs, weil die gerade in sind, weil der Sound gerade in ist, und sie denken, so verkaufen sie mehr Cds.

Thomas: ich glaube das ist unmöglich! Außer du machst ein Pop-Album, dann kann das funktionieren. Wir machen die Musik, die wir mögen und da ist es nicht möglich zu kalkulieren.

Könnt ihr von der Musik leben?

Jan-Henrik: nein, wir haben alle Vollzeit-Jobs.

Thomas: ich arbeite in einem Studio, z. B. aber so lange wir auch auf Tour gehen können ist das gut so.

Aber ist es ein großer Traum von euch von der Musik leben zu können?

Thomas: nein, nicht unbedingt. Ich denke es ist einfacher Songs zu schreiben mit denen sich die Leute identifizieren können, wenn man dasselbe Leben lebt wie die Leute die sich die Musik anhören. Unsere Träume unterscheiden sich nicht so sehr von den Träumen der Jungs und Mädels, die zu unseren Shows kommen. Es ist einfacher ein normales Leben zu leben.

Ich kenne Bands, die leben von der Musik und haben nicht mal einen Plattenvertrag…

Thomas: das ist erschreckend. Weil, da machst du dich abhängig von der Musik. Man kann nicht das machen, was man möchte, sondern muss das spielen was die Leute hören wollen.

Was würdet ihr machen wenn ihr keine Musik mehr machen könntet?

Thomas: ich weiß nicht. Meine Freundin hat mich gefragt was ich eher verlieren wollen würde, mein Bein oder die Band? Ich antwortete: „Mein Bein!“ Musik ist unsere Leidenschaft!

Jan-Henrik: das wichtigste daran ist, dass wir machen, was wir machen und dass wir die Möglichkeit haben weiter zu machen mit dem, was wir machen. Weiter Musik zu machen, weiter CDs zu produzieren, das ist das wichtigste. Dass wir auch live spielen können, das ist unser Luxus! Aber viel wichtiger ist es diese Musik zu produzieren. Es ist etwas komplett anderes, als es sonst gibt. Es gibt tausende von Bands und es kommen immer wieder neue Metal-Alben raus, die sich anhören wie schon mal da gewesen. Da wäre es besser nichts zu machen. Das bringt nichts Neues.

Ist es wichtig für euch eure eigene Musik zu machen?

Jan-Henrik: sehr wichtig! Wir wollen unsere eigene Musik machen.

Wo seht ihr euch selber in fünf Jahren?

Jan-Henrik: immer noch Musik machend. Aber eventuell für ein größeres Publikum. Natürlich wollen wir nicht dasselbe Album immer und immer wieder machen! Wir werden touren, z. B. werden wir noch mal im Dezember touren.

Wer hat euch am meisten beeinflusst?

Thomas: ich spreche da auch für unseren Gitarristen, Kate Bush, Muse, Phantomas, viele verschiedene Bands und Sachen. Auch aus dem Folk und sicher auch der Klassik.

Wie habt ihr zusammen gefunden ganz am Anfang?

Jan-Henrik: ich hab Thomas getroffen. Thomas wollte für Radiostationen Werbespots machen, als er noch ein Jungspund macht. Und jemand erzählte ihm, dass ich dafür singen könnte. Und so fing das an. Wir trafen uns und fingen an ein paar Songs zu schreiben, einfach so zum Spaß.

Thomas: ja und dann kam unser Schlagzeuger aus Schottland vom Studieren zurück. So fing das an. Just for Fun. Viele verschiedene Stile, von Disco über Pop bis hin zu dunkel, dunkel. Wir haben viel geschrieben und dann haben wir gemerkt, dass wir was ganz besonderes zusammen machen. So entstand dann das erste Album.

Habt ihr eine Message an eure Hörer?

Thomas: nein, keine besondere Message. Ich will nicht darüber nachdenken müssen eine Message unter die Leute zu bringen. Wir sind alle gleich. Wir haben alle dieselben Träume.

Gibt es noch Träume, die ihr erreichen wollt?

Thomas: ja, die Musik für einen Film.

Jan-Henrik: ja! Viele unsere Songs klingen jetzt schon etwas cinematic...

Thomas: ich würde auch gern mal zum Mond fliegen. Aber, das wird wohl nicht so schnell geschehen. Die meisten unserer Träume sind schon wahr geworden. Wir freuen uns einfach über uns selber.

Jan-Thomas: keiner von uns hatte den Traum ein Vollzeit-Musiker zu werden. Da verbringt man die meiste Zeit im Tourbus.  Das klingt sehr cool. Aber es ist sehr, sehr hart. Mental sehr hart zu ertragen. Du bist eingesperrt mit all den Leuten, ob du die nun magst oder nicht. Viele Leute denken, ah was für ein cooles Leben, alle jubeln dir zu, du machst die Leute glücklich. Sicher ist das so, aber zur selben Zeit wird es zu etwas, was du machen musst. Du kannst nicht sagen, heute hab ich keine Lust, oder heute bin ich krank. Du musst die nächste Show spielen, ob du willst oder nicht. Du enttäuscht zu viele Leute, die Fans, die Manager und all die Leute, die dafür gearbeitet haben, dass es überhaupt möglich wurde.

Thomas: die zwei Stunden auf der Bühne sind Spaß. Aber den Rest vom Tag langweilst du dich die meiste Zeit. Es ist kein Traum von uns auf eine große Tour zu gehen. Ich denke, wir haben unseren Traum schon erreicht.

Jan-Henrik: wir haben natürlich noch einen Traum. Und zwar, dass immer Leute zu unseren Shows kommen werden. In Holland kommen meistens so an die 300 Leute, aber in Italien kann es passieren, dass wir nur vor 35 Leuten spielen müssen. Man fährt so viele Kilometer und dann stehen da nur 35 Leute, da schluckt man zuerst, aber dann spielt man genauso als ob 300 da wären und versucht trotzdem eine gute Show abzuliefern.

Ihr spielt keine Radio-Musik. Leute kennen euch, weil sie eure Musik mögen und euch schon kennen und dann kommen sie um eure Show zu sehen.

Thomas: was wir merken ist, dass wir eine Menge CDs auf den Konzerten verkaufen. Bis zu 35 Prozent. So merken wir, dass die Leute unsere Musik mögen, dass sie ihnen gefällt.

Jan-Henrik: was wir auf Tour machen, ist, aufbauen, aufbauen, aufbauen. Ich kenne das Geschäft auch von der anderen Seite. Ich habe zwölf Jahre im Marketing eines Major-Labels gearbeitet und Promotion für kleine bis zu den großen Bands gemacht. Es ist sehr selten, dass man mehr als 10-15 Prozent an CDs auf den Konzerten verkauft. Du sagtest, wir sind keine Radio-Band, das stimmt, aber wir merken, dass immer mehr Leute unsere Musik hören.

Auch der Rock hat hier bei uns in Deutschland keine große Lobby. Er ist kaum vertreten im Radio oder im Fernsehen und trotzdem sind die Konzerte voll.

Thomas: es ist eine Underground-Sub-Kultur (au weia, ich wusste, ja, dass ich anders war, als die meisten, aber gleich sooooo schlimm!) und der ist oft stärker als der Mainstream.

Sicher hörte man im Radio all die großen Bands, aber wie z. B.die Backyard Babies oder all die anderen, es gibt so viele, aber man sieht sie nie hier im Fernsehen.

Jan-Henrik: ich kenn die Jungs von den Backyard Babies (und ich schmelze dahin!) und habe jahrelang mit ihnen gearbeitet, sehr nette Jungs. (ja, klar, weiß ich doch *g*)

Ohhhh, ich bin ein großer Fan von den Backyard Babies, aber die haben immer so ein blödes Timing! Immer wenn die hier sind, bin ich nicht zu Hause. Und so hab ich sie erst einmal gesehen!

Jan-Henrik: oder du hast ein schlechtes Timing!

Ja, oder ich, das Ergebnis ist das gleiche. Ich hab sie erst einmal gesehen und es war ein suuuuper geiles Konzert. Nun sind wir eigentlich auch schon fertig. Habt ihr noch irgendwelche letzte Worte an unsere Leser? Irgendetwas Besonderes?

Jan-Henrik: geht auf www.last.fm da könnt ihr alle unsere Lieder hören. Nicht nur die 35 Sekunden, sondern die ganzen. Und bildet euch eure eigene Meinung!

Danke für’s Interview!

Thomas: bleibst du noch und siehst dir die Show an?

Aber natürlich!

Thomas: super! Danke, dass du da warst!

(Interview by Melanie)


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