CELTIC FROST
"Nihil Verum Nisi Mors"
(Interview mit Tom Fischer, Januar 2007)

Celtic Frost waren 13 Jahre unsichtbar, sozusagen auf Eis gelegt. Was waren Eure Beweggründe, einen zweiten Versuch zu wagen?
TGF:
Es ist alleine die lebenslange und sehr tiefe Freundschaft zwischen Martin Eric
Ain und mir, welche es möglich machte, Celtic Frost ein zweites Mal regelrecht
neu zu gründen und neu zu entwickeln. Nach vielen Jahren der Pause arbeiteten
wir 1999 und 2000 zum ersten Mal wieder zusammen, als wir mit unserer ehemaligen
Plattenfirma in Berlin die früher erschienenen Celtic Frost-Alben neu
auflegten. Es war uns möglich, dieses Neuauflageprojekt absolut frisch und mit
der notwendigen Reife anzugehen, eben weil wir jahrelang Abstand bewahrt hatten.
Auf dieser Basis begannen wir dann einige Monate später über die Möglichkeit
von neuer Celtic Frost-Musik zu sprechen.
Celtic
Frost waren zu Beginn der Neunzigerjahre auf allen Ebenen ausgebrannt,
musikalisch, persönlich, finanziell und geschäftlich. Die Trennung der Band
nach Demoaufnahmen 1992 sehe ich als essentiell an, sie hätte sogar schon viel
früher erfolgen sollen.
Doch
gerade wegen diesen Umständen damals, die ja im völlig unethischen Gebahren
unserer damaligen Partner in der Musikindustrie begründet waren, hatten Martin
und ich stets das Gefühl, dass die Band noch lange nicht alles gegeben hatte,
was in uns drin steckte.
Was ist es für ein Gefühl, Celtic Frost nach so langer Zeit wieder zum Leben zu erwecken?
TGF:
Ein fantastisches Gefühl. Wir sind heute erwachsene Musiker und haben einen
massiv grösseren Erfahrungsschatz und ein viel fundierteres Wissen. Dies
erlaubt es uns, mit Celtic Frost heute viel gezielter zu leben und die Kontrolle
über unsere Arbeit mit der Band vollständig in unseren Händen zu behalten.
Deshalb auch die Gründung unserer eigenen Plattenfirma. Dies war bei weitem der
wichtigste Schritt in der gesamten Karriere von Celtic Frost.
Darüber
hinaus sind wir heute viel stärkere und radikalere Menschen, als wir es damals
je waren. Dies wirkt sich auf allen Ebenen der Arbeit mit Celtic Frost aus, vom
Songwriting über die Produktion bis zum Umgang mit den Lizenzpartnern unserer
Plattenfirma.
Warum habt Ihr mehrere Jahre gebraucht, um Euer aktuelles Album Monotheist fertig zu stellen?
TGF:
Weil es uns eben nicht um das schnelle Geld oder das peinliche Nachrennen hinter
einer vergangenen Jugend ging. Es gab für uns absolut keinen Grund, das Album
gehetzt fertig zu stellen. Nach so vielen Jahren des getrennten Arbeitens wäre
es schlicht gelogen gewesen, wenn wir ein neues Album in lediglich einigen
Wochen oder Monaten gemacht hätten. Zuerst mussten wir die Band faktisch neu gründen
und uns als Celtic Frost-Mitglieder neu finden. Bei unserem allerersten Gespräch
über ein mögliches neues Album, im Jahr 2000, haben Martin und ich uns
geschworen, dass wir nur ein Album veröffentlichen würden, wenn es zu
einhundert Prozent Celtic Frost ist. Es ging uns um die Aura der Band, die
Magie, die Musik, die Kunst. Alles andere war zweitrangig, der Aufwand, die
Dauer, das waren lediglich Mittel zum Zweck.
Anders
kann man ein wirkliches Celtic Frost-Album wohl gar nicht machen, ein Album
welches wie immer Neuland beschreiten soll. Hätten wir uns viel weniger Zeit
genommen, so hätten wir wohl nur eines unserer alten Alben kopieren können,
und das war ja genau, was für uns niemals in Frage kam. Wir wollten uns
organisch wieder zusammenfinden und die Musik so lange wachsen lassen, bis wir
damit zufrieden sein würden.
In
den Jahren seit 2001 schrieben wir deshalb dutzende von Songs und nahmen die
meisten davon auch auf, zum Teil bis zur Album-Qualität.
Die Suche nach einem passenden (zweiten) Gitarristen gestaltete sich als relativ schwierig. Warum habt Ihr keinen Schweizer Gitarristen engagiert, bzw. wie seid Ihr zu dem Norweger Anders Odden (u.a. Apoptygma Berzerk) gekommen?
TGF:
Wir suchten selbstverständlich zunächst in der Schweiz. Im Klartext ist die
unschöne Wahrheit jedoch, dass eine ganze Anzahl von Grossmäulern in unseren
Übungsraum kamen, welche die Live-Reproduktion unserer Musik massiv unterschätzten,
weil sie schlicht davon ausgingen, dass die oft sehr simplen Strukturen auf eine
simple Live-Band schliessen lassen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Celtic
Frost lebt von Feeling, von Groove, von Aura, von tatsächlich empfundener
Radikalität und Philosophie, und nicht von machohafter Griffbrett-Masturbation.
Technisch
waren die meisten Gitarristen, die sich bewarben, sehr gut. Aber beim Feeling,
beim Empfinden der Musik, mangelte es massiv. Auch spürten wir eine Tendenz,
sich ins gemachte Nest setzen zu wollen und auf den von uns durch jahrelange
Arbeit zum Fahren gebrachten Zug aufspringen zu wollen. Das kommt bei uns extrem
schlecht an. Ein Gitarrist hat bei uns nur eine Chance, wenn er sich genau so
gnadenlos der Arbeit auf allen Ebenen hingibt, wie wir es tun. Wenn er Musik
kreieren und leben will, und nicht über Nacht auf Kosten von Celtic Frost ein
Star sein will.
Effektiv
haben sich die meisten dieser Gitarristen als unprofessionell entpuppt, sogar
diejenigen, die in der Schweiz selbst bereits sehr bekannt sind. Auf einem
internationalen Level der Professionalität und Erfahrung war eigentlich keiner.
Doch genau das braucht es, wenn man mit Celtic Frost zwei Jahre lang weltweit
auf Tour sein will.
Anders
Odden habe ich zum ersten Mal gesehen, als ich im Frühjahr 2006 mit Dir am
Apoptygma Berserk-Konzert in Zürich war. Etwa zwei Wochen nach dem Konzert
erfuhr ich über eine Mitarbeiterin der Plattenfirma von Apoptygma Berserk, dass
Anders ein lebenslanger Celtic Frost-Fan ist und dass er beim Konzert in Zürich
gehofft hatte, dass wir von der Band im Publikum weilen würden.
Ich rief ihn in Norwegen an, und wir flogen ihn nach Zürich. Er konnte die meisten Celtic Frost-Songs bereits spielen, da er mit verschiedenen Black Metal-Musikern in Norwegen diese Songs seit den Achtzigerjahren gecovert hatte. Bereits bei der ersten Session legte ich probehalber die Gitarre zur Seite und sang nur, und man konnte kaum einen Unterschied im Bandsound feststellen. Anders war der erste Gitarrist, welcher unsere Musik tatsächlich so empfand, wie wir es tun. Er ist der Beweis, dass ein technisch sensationeller Gitarrist auch mit Seele und Groove spielen kann und nicht nur angeberische, kalte Technik bieten muss.

Anders wurde zunächst als Tourgitarrist verpflichtet. Wird er bei den kommenden Shows auch dabei sein oder gar festes Bandmitglied werden?
TGF:
Wir fühlen uns zur Zeit sehr wohl als Trio und werden wohl auf absehbare Zeit
lediglich mit einem Tourgitarristen arbeiten. Anders ist bis zu den Japan-Shows
Im Januar 2007 verpflichtet. Alles andere danach wird von Fall zu Fall
entschieden.
Celtic Frost hat in den ganzen Jahren der früheren Karriere viel getourt, aber nur in Clubs/Hallen. Warum habt Ihr jetzt - abgesehen von 3 kleinen Clubshows als Warm-up - ausgerechnet die grössten Metal-Festivals Europas (Wacken, With Full Force, etc.) gespielt?
TGF:
Weil wir von Angeboten buchstäblich überflutet wurden und es eine fantastische
Gelegenheit ist, für möglichst viele Fans zu spielen, von denen die meisten ja
noch nie die Gelegenheit hatten, die Band auf der Bühne zu sehen. Das letzte
Mal hatten Celtic Frost ja im Mai 1990 live gespielt.
Ein
weiterer Grund ist, dass es früher viel weniger solche Festivals für extremen
Heavy Metal gab, als es jetzt der Fall ist. Wir spielten damals das legendäre
World War III Festival in Montreal, Kanada, aber das war eines der wenigen
Festivals dieser Art.
Wie war es für Euch, mit einer neuen CD im Gepäck, von der Ihr nicht wusstet, wie sie ankommen würde, vor so grossem Publikum aufzutreten?
TGF:
Wir hatten ja während den viereinhalb Jahren der Plattenproduktion genügend
Zeit, uns darauf vorzubereiten. Und darauf, dass dies auch ein sehr grosses
Risiko sein würde, da die Akzeptanz unseres neuen Albums ja auf keinen Fall
vorausgesagt werden konnte. Wir gingen dementsprechend gefasst zu den Festivals.
Und wenn man sein Leben lang für eine Band gekämpft hat, ist die Grösse des
Publikums auf diesen Festivals etwas Fantastisches.
Nach dem Norwegischen "Hole In The Sky" Festival habt Ihr einer Kirche einen Besuch abgestattet. Was hatte es damit auf sich?
TGF:
Die frühen Celtic Frost, sowie die vorherige Band von Martin und mir,
Hellhammer, hatten einen grossen Einfluss auf die Black Metal-Szene, speziell in
Skandinavien. Und damit werden wir natürlich auch in Verbindung gebracht mit
den extremeren Auswüchsen dieser Szene, wie z.B. den Kirchenverbrennungen. Zur
Zeit produziert ein Filmteam einen Dokumentarfilm über Celtic Frost, und es war
der Wunsch des Regisseurs, uns bei der abgebrannten und inzwischen wieder
aufgebauten Fantoft Stabskirche in Bergen, Norwegen, zu interviewen.
Nach den Sommer-Festivals habt Ihr 46 Shows in Nordamerika gespielt. Was sind Eure Eindrücke dieser Tour?
TGF:
Die lassen sich kaum in Worte fassen. Das würde alleine schon ein Buch füllen.
Neun Wochen lang jeden Tag in Nordamerika auf Achse zu sein, mit verschiedenen
Special Guests, in komplett verschiedenen Teilen des Kontinents, in
verschiedenen Zeitzonen, mit vollkommen unterschiedlichem Wetter, mit einer
grossen Crew, dass alles war sehr extrem, menschlich, technisch und logistisch.
Andererseits war es ja unsere vierte Nordamerika-Tour, und es war insofern auch
keine Überraschung, dies alles zu erleben.
Eure US-Konzertagentur hatte die Idee, für ein paar der Shows eine Verlosung "Roadie for a Day" zu veranstalten. D.h. Fans bekamen die Möglichkeit, einen Tag lang mit der Band und der Crew zu arbeiten. Lief das gut?
TGF:
Ja, es lief sehr gut. Die einzige Ausnahme bildete ein übereifriger und sehr
naiver Fan, welcher uns in San Diego mit Jesus-Parolen bekehren wollte. Der
Nachteil der "Roadie for a Day"-Idee ist jedoch, dass die eigentliche
Crew der Band durch die Anwesenheit eines faktischen Laien oft in ihrer Arbeit
behindert wird.
Im Januar 2007 spielt Ihr 3 Shows in Japan und geht ab März auf Europatour. Werdet Ihr auch in der Schweiz spielen?
TGF:
Wir spielen am 6. März 2007 in Martins Club in Zürich, und dann auf der
unmittelbar darauf folgenden Europatour im Z7 in Pratteln.
Celtic Frost durfte erstmals H.R.Giger Motive für T-Shirts + Merchandising verwenden, nicht nur für CD-Covers. Warum hatte Giger das in den 80ern nicht gewollt?
TGF:
Das war sein gutes Recht, und es stand und steht uns nicht zu, den Grund dafür
zu erfragen oder zu hinterfragen. Wir hatten ein Gentlemans Agreement, und dazu
erwuchs zwischen Giger und der Band eine sehr spezielle Freundschaft. Deshalb wäre
es uns nie in den Sinn gekommen, Giger zu hintergehen. Giger ist seit den Tagen
von Hellhammer wohl einer der grössten Inspirationen unserer Musik, und wir
empfinden einen tiefen Respekt für ihn.
Die erste Band, die Martin Ain und Du gegründet hattet, war Hellhammer - die legendäre Vorgängerband von Celtic Frost. Im kommenden Jahr werdet Ihr ein Buch über Hellhammer veröffentlichen. Was wird es beinhalten?
TGF:
Das Buch wird ein wahres Juwel, mit unbekannten und detaillierten Fakten und
zahreichen unveröffentlichten Fotos und noch nie gesehenem Artwork. Sammler aus
der ganzen Welt haben uns bei den Recherchen geholfen, und wir haben unsere
eigenen Hellhammer-Archive zum ersten Mal geöffnet.
Es hies kürzlich, Celtic Frost sei für den Song "Totengott" für den Grammy der Kategorie "Best Metal Performance" vornominiert worden. Dann hörte man, Du hättest das dementiert. Was stimmt nun?
TGF:
Eine schweizer Tageszeitung übernahm eine ursprünglich korrekte Meldung einer
grossen Boulevard-Zeitung und schrieb dann fälschlicherweise, wir wären
bereits nominiert. Wir waren aber lediglich auf der Vornominierungsliste aufgeführt,
welche den abstimmenden Mitgliedern der Grammy-Organisation zugestellt wird. Die
Mitglieder wählen aus dieser Liste die tatsächlich zu nominierenden Künstler
aus. Ich habe dies deshalb auf der Celtic Frost-Website berichtigt.
Celtic Frost wurde in den 80er Jahren im eigenen Land regelrecht verlacht, weil Ihr angeblich nicht spielen konntet und dies keine Musik sei. 2006 hat die Schweizer Presse massenweise Berichte und Interviews über Euch publiziert. Euer Video "A Dying God Coming Into Human Flesh" wird im Januar 2007 sogar bei den Filmfestspielen Solothurn gezeigt. Was hat sich Deiner Meinung nach geändert und wie siehst Du diesem Wandel?
TGF:
Geändert hat sich, dass wir heute unsere eigene Plattenfirma sind und einen
professionellen Medienagenten anstellen können, welcher uns zudem bereits seit
Hellhammer-Zeiten persönlich kennt. Und es hilft, dass wir von so vielen
anderen, internationalen Bands als Einfluss genannt werden. Da wacht wohl sogar
die Schweiz nach 22 Jahren Schlaf auf.
Tom, herzlichen Dank für das ausführliche Interview. Viel Erfolg bei der anstehenden Europa-Tournee!
(Interview von Kassandra)